Alle Artikel von Ingrid Bauer

Büchertipps der AG Ernährung

Sich zum Thema Klimawandel und klimafreundliche Ernährung zu informieren ist nicht nur sinnvoll und wichtig, es kann auch sehr viel Spaß machen. In der AG Ernährung tauschen wir uns immer wieder über interessante Bücher aus, die wir gern auch hier vorstellen wollen. Aktuell geht es um die Bücher:

EAT IT! Die Menschheit ernähren und dabei die Welt retten

Gibt’s das auch in Grün? Tricks der Industrie durchschauen, nachhaltig einkaufen

Hoch die Hände Klimawende!  Warum wir mit der Holzzahnbürste nicht die Erderwärmung stoppen – und wo unsere wirklichen Hebel sind

EAT IT!

Die Menschheit ernähren und dabei die Welt retten

Von Dirk Steffens und Marlene Göring

Der durch zahlreiche Dokumentarfilme zu Umwelt- und Naturthemen (Terra X u.a.) bekannte Journalist, Autor und TV-Moderator Dirk Steffens und die Wissenschaftsjournalistin und GEO-Reporterin Marlene Göring haben zusammen ein faszinierendes Buch veröffentlicht. Es ist unglaublich gut und spannend zu lesen, denn es vermittelt neue Erkenntnisse darüber, wie die internationale Nahrungsmittelproduktion auf der ganzen Welt miteinander verflochten ist und wie auch wir mit unseren Essensgewohnheiten Teil davon sind.

„Das globale Nahrungsmittelsystem hat die Orte der Produktion und des Konsums voneinander entfernt. Räumlich…, aber auch kulturell und psychologisch: Weil im Supermarkt alles immer da ist, haben wir keine Ahnung mehr, was auf den Feldern, in den Ställen und den Nahrungsmittelfabriken eigentlich los ist. Essen von nirgendwo.“ (S. 128)

Neben vielen Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen machen Steffens und Göring auch deutlich, welche großen Emotionen das Essen bei uns auslöst, denn es ist Teil unserer familiären und kulturellen Prägung und damit unserer Identität. Das erklärt auch zum Teil den erbittert geführten Streit zwischen Veganern, Vegetariern und Fleischessern. Hier raten Steffens und Göring zur verbalen „Abrüstung“ und zeigen auf, warum es nicht um das ob, sondern um das wie und wieviel geht. Und das hängt vor allem mit der intensiven Landwirtschaft und dem globalen Ernährungssystem zusammen.

Steffens und Göring haben für ihr Buch in vielen verschiedenen Ländern recherchiert und berichten unter anderem darüber, wie Hochleistungs-Kühe in modernsten Ställen in der saudi-arabischen Wüste Unmengen von Milch liefern oder Schweine in chinesischen Hochhäusern gemästet werden. Sie machen anschaulich „wie der Regenwald in die Bratwurst kommt“ und führen uns damit vor Augen, dass ohne Soja-Futter aus den USA und aus Brasilien, die von uns Deutschen jährlich verzehrten Hunderte Millionen von Bratwürsten gar nicht produziert werden könnten. Denn wir haben in Deutschland gar nicht genug Fläche, um ausreichend Hochleistungsfutter für die 50 Millionen Schweine, die bei uns jährlich geschlachtet werden, herzustellen. So rechnen Steffens und Göring vor, dass für acht Grillwürste geschätzt ein Quadratmeter Regenwald gerodet werden muss, um dann dort Soja anbauen zu können. Anschaulich schildern sie den von GEO recherchierten den Weg der Sojabohnen von (z.T. illegalen) Äckern im brasilianischen Regenwald vom brasilianischen Hafen Santarém in einem Schüttgutfrachter aus Hongkong nach Hamburg, wo sie in der Raffinerie eines Agrarkonzerns landen. Das Soja wird dann von dort nach Bramsche am Mittellandkanal weitertransportiert, wo es dann in Mischfutterbetrieben im Weser-Ems-Gebiet zu Kraftfutter verarbeitet wird. Dieses Futter geht dann weiter an die Schweinemäster, die ihr Vieh wiederum zum Verwursten an die großen Fleischkonzerne liefern. Und von dort landet dann die Bratwurst auf unserem Teller.

Aber nicht nur das Tierfutter, auch das von uns verzehrte Gemüse kommt aus der ganzen Welt. Allein in Almería, Südspanien, arbeiten 15.000 Bauern daran, halb Europa mit Tomaten, Gurken und Paprika zu versorgen. Überall auf der Welt ist eine auf Ertragssteigerung ausgerichtete Intensivlandwirtschaft anzutreffen. Sie war für eine lange Zeit wichtig, um die Menschheit zu ernähren, aber jetzt ist ein Kipppunkt erreicht, wo der Schaden den Nutzen überwiegt.

„Das globale Ernährungssystem ist für gut ein Drittel aller Treibhausgase verantwortlich und damit einer der schlimmsten Treiber des Klimawandels. Es ist auch eine der Hauptursachen für die Abholzung der Wälder und verbraucht bis zu 70 Prozent des weltweiten Süßwassers.“ (S. 126)

Und eine weitere Folge der intensiven Flächenbewirtschaftung ist das dramatische Artensterben.

„Es ist absurd, aber ausgerechnet die Lebensmittelproduktion, deren Sinn es ja ist, uns am Leben zu halten, wird nun zu einer Bedrohung für unser Leben.“ (S. 127)

Aber Steffens und Göring bleiben nicht dabei stehen, die globalen Probleme zu benennen, sie beschäftigen sich auch mit Ideen und Strategien, die dazu beitragen, dass die Nahrung für alle Menschen auf der Welt ausreicht und sich trotzdem die Umweltbelastungen verringern lassen. Hier sehen sie in der Art und Weise der Bodennutzung den entscheidenden Schlüssel. Denn der Mensch breitet sich immer weiter auf der Erde aus, die aber gleichzeitig ständig fruchtbaren Boden verliert. Das passiert einerseits durch natürliche Verwitterung, aber mehr noch durch die intensive Landwirtschaft. Sie führt zu ständiger Ausweitung der Landnutzung, die aber schon bald an Grenzen stoßen wird.

Sehr anschaulich beschreiben Steffens und Göring die Zusammensetzung der Böden, die biologischen Abläufe und die Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, Bakterien und den Mykorrhiza-Pilzen, die als Gemeinschaft von Organismen lebenswichtige Aufgaben für den Planeten übernehmen. Denn dadurch bindet der Boden Kohlenstoff, filtert Wasser und speichert Stickstoff. Leider wird dieses biologische Wunderwerk seit der Erfindung des Ackerbaus vom Menschen einfach umgegraben und später dann mit Chemikalien durcheinandergebracht, was wiederum zur Zerstörung der wertvollen Kruste der Erde führt.

„Ein Zentimeter fruchtbarer Boden braucht 100 Jahre, um neu zu entstehen. Wenn er überhaupt nachwächst. Auf Feldern, die intensiv beackert werden, verlieren wir zurzeit mehr Humus, als sich nachbilden kann.“ (S. 169/170)

Aus Sicht der Autoren kann auch die Bio-Landwirtschaft die aufgezählten Probleme nicht lösen, trotzdem sie gegenüber der konventionellen viele Vorteile bietet. Denn auch sie spielt sich nur auf der Oberfläche ab, ohne sich stärker dem Boden zu widmen, der Ruhe und Zeit zur Regeneration braucht. Hierbei hilft der Ansatz der Agroökologie, die dem Prinzip folgt, den Boden so wenig zu stören wie möglich und dadurch wieder mehr Humus aufzubauen. Der Boden wird nicht umgewälzt, nicht gepflügt, er ist auch immer bedeckt. Die Pflanzenreste werden nach der Ernte stehen gelassen, auf den verrottenden Resten werden Zwischenfrüchte gezogen, die dann vor der nächsten Direktsaat abgehackt werden. Die Saat wird in flachen Furchen eingebracht, dazwischen werden Untersaaten gepflanzt. Mit Fruchtfolgen und Mischkulturen werden Wasser- und Nährstoffvorräte optimal ausgenutzt, wobei man wissen muss, was man gemeinsam wachsen lässt. Dieses Wissen nutzten bereits die First Nations in Nordamerika, indem sie immer die „Drei Schwestern“ Mais, Bohne und Kürbis zusammen säten.

Die Methode der regenerativen Landwirtschaft wird inzwischen schon in Ländern wie Brasilien, Argentinien und einigen US-Bundesstaaten angewandt, wo die Bodenerosion schon so weit fortgeschritten war, dass die Alternative dazu nur die Schließung der Betriebe gewesen wäre.

Im Konzept der regenerativen Landwirtschaft findet auch die Viehzucht ihren Platz. Sie ist sogar ein elementarer Bestandteil, indem Stroh zu Futter, Kot zu Dünger, Dünger zur Erde und neuem Stroh wird.

„Rinder, Ziegen und Schafe können sogar die Bodenqualität verbessern – wenn sie eng beieinanderstehen und immer nur kurz auf einer Weide grasen. ‚Mob Grazing‘ wird das genannt, weil die Tiere wie ein Mob über das Land herfallen, dabei Samen in die Erde treten und sie mit ihren Ausscheidungen düngen – und wieder verschwinden.“ (S. 184)

Vor diesem Hintergrund treffen Steffens und Göring eine Aussage, die vielleicht die verhärteten ideologischen Fronten etwas aufbrechen könnte:

„Wir müssen nicht alle Veganer werden, um die Erde zu retten. Noch nicht einmal strenge Vegetarier.“ (S. 184)

Denn es kommt laut Steffens und Göring auf etwas anderes an:

„Weniger und besser produziertes Fleisch ist vielleicht das schnellste und einfachste Mittel, um die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen, die unsere Ernährung verursacht. Vor allem für uns in den Industrieländern.“ (S. 186)

Auch ein anderes strittiges Thema greifen die Autoren auf, wenn sie sich Gedanken über mögliche Lösungen machen. Das sind genmanipulierter Pflanzen, die besonders in Deutschland auf starke Vorbehalte stoßen. Hier warnen beide vor irrationalen Ängsten und Horrorfantasien, denn es gibt auch bei uns schon sehr lange genmanipulierte Pflanzen, die durch Mutationszüchtungen entstanden sind. Und sie verweisen auf die Chancen, wenn man z.B. Pflanzen züchten könnte, die tiefere Wurzeln bilden und damit weniger Wasser brauchen, oder die sich selbst besser mit Nährstoffen versorgen könnten, indem sie Stickstoff aus der Luft zu binden. Sie plädieren also für einen sachlichen Umgang mit diesem Thema.

Die Autoren werben für „Pragmatismus, Innovationsfreude und Toleranz“ (S. 192) und entwickeln schließlich eine Vision.

„In der Ernährung der Zukunft wird es viele Anbaumethoden, Produktionsformen und Nahrungsmittel geben. Wir brauchen viele Lösungen gleichzeitig, die sich ergänzen und das Wohl aller im Blick haben. Vielleicht mit ökologischen Farmen, auf denen Hightechsensoren die Bodengesundheit überwachen. Ein bisschen Futur Food aus dem Labor, hergestellt mit erneuerbaren Energien, und auch mal ein Steak von einer wirklich glücklichen Kuh. Dazu eventuell Steckrüben vom Hofladen und Cornflakes aus Monokultur-Mais, der allerdings auf konservierenden Feldern gepflanzt wurde. Das könnte klappen.“ (S. 192)

Im letzten Kapitel mit dem treffenden Titel: Zwei Seelen in der Brust – Wie wir handeln statt hadern“ schlagen Steffens und Göring den Bogen zu uns und unserem Konsum. Sie argumentieren, dass wir mit unseren Entscheidungen darüber, was wir einkaufen, eine große Macht entwickeln können. Denn unser Nichtkaufen führt zu Profitverlusten bei den Lebensmittelunternehmen, was sie zu schnellen Reaktionen veranlasst.

„Wenn jeder Einzelne ein wenig verändert, ist die Summe der Veränderungen gewaltig groß.“ (S. 209)

Gut wäre es, regional und saisonal einzukaufen und möglichst Bio-Produkte. Dem Essen höhere Wertschätzung beizumessen, wäre auch ein wichtiger Schritt, denn in Deutschland landen 78 kg Lebensmittel pro Kopf und Jahr in der Tonne.

Trotz der bekannten Probleme fällt es immer wieder schwer, sich aus dem Klammergriff unser Normen und Gewohnheiten zu befreien und unser Verhalten zu verändern. Hier hilft es

„…sich noch besser zu informieren: Je mehr man über ein Problem weiß, desto schwerer lasst es sich ignorieren. Denn wenn Denken und Handeln im Widerspruch stehen, entsteht eine kognitive Dissonanz – und die fühlt sich nicht gut an.“ (S. 216)

Aber Entscheidungen werden auch durch Sanktionen (Gesetze und Regeln) beeinflusst und durch Gefühle, durch das gute Beispiel im sozialen Umfeld und psychologische Faktoren. Letztlich sind Motive und Auslöser für Veränderungen zweitrangig, entscheidend ist das Ergebnis des Handelns.

„Dass wir uns heute so stark mit unserer Nahrung auseinandersetzen, ist kein Wunder. Es kommt aus dem Bedürfnis, wieder eine Verbindung zu unserem Essen zu entwickeln. Und im Innersten wünschen wir uns, dass es eine harmonische Beziehung ist. Wir müssen nicht sparen und knausern, sondern wir dürfen großzügiger werden. Untereinander, uns selbst gegenüber und der Natur gegenüber. Dann werden wir die Erde gesund essen.“ (S. 223)

Gibt’s das auch in Grün?

Tricks der Industrie durchschauen, nachhaltig einkaufen

Von Kerstin Scheidecker und Katja Tölle

Kerstin Scheidecker, Geschäftsführerin und Chefredakteurin von ÖKO-TEST, und Katja Tölle, dort stellvertretende Chefredakteurin, kennen sich bestens aus im Bereich unabhängiger Produkttest. Damit sind sie auch ausgewiesene Expertinnen darin, Marketingtricks und Greenwashing von Konsumgüterherstellern zu durchschauen und Orientierung für unseren alltäglichen Einkauf zu geben. Denn mit unseren Kaufentscheidungen können wir nachhaltige Veränderungen bei den Unternehmen anstoßen. Das ist Sinn und Zweck dieses hier empfohlenen lesenswerten Buches.

Das Dilemma kennen wir alle: wir möchten und müssen etwas kaufen und wissen dabei ganz genau, dass Konsum zur Zerstörung der Umwelt beiträgt. Aber wir können die Umweltsünden der Hersteller selten einfach erkennen und es fehlen uns oft Kriterien und Informationen für unsere Kaufentscheidungen. Das Buch greift dieses Problem auf und bewegt sich bewusst im Spannungsfeld zwischen den Veränderungsmöglichkeiten durch individuelles Verhalten und den notwendigen großen Veränderungen, für die Politik und Industrie verantwortlich sind. Es ist klar, dass Entscheidungen von Einzelnen das Klima nicht retten können, aber es macht trotzdem keinen Sinn, sich deshalb einfach zurückzulehnen. Denn schon jetzt ist deutlich, dass individuelle Konsumveränderungen viel bewegt haben. Bei den Discountern gibt es immer mehr Bio-Lebensmittel, das Angebot veganer Produkte wird immer vielfältiger und das Thema Lieferketten ist in der Politik angekommen. Die Industrie braucht immer wieder Druck, um sich zu verändern. Neben individuellem Konsum wirken auch Verbraucher- und Umweltschützer und hier spielen u.a. die Ergebnisse der vielen Produkttests von ÖKO-TEST eine wichtige Rolle. Denn sie decken falsche Versprechen von angeblich grünen Produkten und versteckte Schadstoffe auf, die Konsumenten und Umwelt belasten.

In zehn Kapiteln widmen sich die beiden Autorinnen den vielen Bereichen unseres Konsums. Dazu gehört das Problem saisonunabhängiger hochverarbeiteter Lebensmittel, die mehrfach um die Welt gereist sind, bevor wir sie im Supermarkt kaufen. Überraschend in diesem Kapitel ist, dass erstaunlich viele Lebensmittel aus China stammen, wie Weinblätter, Bio-Kidneybohnen, Bio-Erdnüsse, Honig und sogar Tomaten für Ketchup, Tomatenmark oder Tiefkühlpizza. China ist inzwischen der weltweit größte Produzent von Tomaten und übertrifft Italien um das Zehnfache. Das wiederum importiert chinesisches Tomatenmark und verschickt es mit italienisch aussehenden Verpackungen in die ganze Welt.

In weiteren Kapiteln beschäftigen sich Scheidecker und Tölle mit Mineralwasser, mit tierischen Produkten (Milch, Schweinefleisch, Chicken Nuggets), mit pflanzlichen Lebensmitteln u.a. auf Sojabasis, mit Kosmetik, Mikroplastik, Wasch- und Putzmitteln, Kleidung und Ökostrom. Und in jedem Kapitel lassen sich überraschende Erkenntnisse gewinnen, die hier nicht „gespoilert“ werden sollen.

Das Buch bestätigt an vielen Stellen, dass es uns Verbraucherinnen und Verbraucher letztlich mehr kostet, sich beim Einkauf ökologischer, fairer oder sozialer zu verhalten. Denn leider werden von der Allgemeinheit immer noch die Kosten übernommen, die die umweltschädliche Produktion konventioneller Produkte verursacht. Und weil mit den Billigprodukten Menschen in ärmeren Ländern ausgebeutet werden. Aber wer schon tiefer in die Tasche greift, um nachhaltiger und umweltschonender einzukaufen, sollte sich nicht von Greenwashing für dumm verkaufen lassen und auf schäbige Tricks hereinfallen. Hier sind die Informationen, die das Buch liefert, absolut hilfreich.

Zum guten Schluss geben uns die beiden Autorinnen mit auf den Weg, dass es auch noch Wichtigeres gibt, als korrekt zu konsumieren. Dazu könnte gehören, nicht mehr für klimaschädliche Firmen zu arbeiten, Bürgerinitiativen zu unterstützen, auf die Straße zu gehen, sich politisch zu engagieren, alles damit die Politik die Konzerne dazu bewegt, umweltfreundlicher zu produzieren.

Und trotzdem spielen wir auch als Konsumentinnen und Konsumenten eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt können wir auch die Unternehmen nerven, nachhaken und nachfragen: „Gibt’s das auch in Grün?“

Weitere Infos zu vielen im Buch angesprochenen Test finden sich auf https://gibts-das-auch-in-gruen.de/. Die Autorinnen können kontaktiert werden unter „gibt’s-das-auch-in-gruen@oekotest.de“

Hoch die Hände Klimawende! 

Warum wir mit der Holzzahnbürste nicht die Erderwärmung stoppen – und wo unsere wirklichen Hebel sind

Von Gabriel Baunach

Gabriel Baunach, geboren 1993, beschäftigt sich bereits seit seinem 14. Lebensjahr mit der Klimakrise. Er studierte Maschinenbau und Energietechnik und arbeitete u.a. beim UN-Klimasekretariat, bei BMW, im Forschungszentrum Jülich und im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Baunach ist Podcaster und Autor. Seit 2020 betreibt er die Aufklärungsplattform „Climaware“ (www.climaware.org) und hält Vorträge über die Umweltkrise.

In seinem Buch „Hoch die Hände Klimawende“ setzt sich Baunach mit dem Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ auseinander, der vor 20 Jahren ausgerechnet vom Mineralöl-Konzern BP mit großen Werbekampagnen populär gemacht wurde und der das Klimaproblem sehr stark an die individuelle Verantwortung delegiert. Die Folge sind unfruchtbare Kulturkampf-Debatten mit gegenseitigen Angriffen aufgrund des persönlichen Konsumverhaltens.

„Wir zeigen mit dem Finger auf die Nachbarin, die noch fliegt, und den Onkel, der zu viel Fleisch isst – wir sind total in diesen individualisierten Schuld-, Scham- und Scheinheiligkeitsdebatten verfangen.(Gabriel Baunach in SWR1 Leute)

Gabriel Baunach erklärt in seinem Buch ausführlich die Defizite und Risiken des Fußabdruckkonzepts und ist der Meinung, dass es mehr schadet als nützt. Er macht auch deutlich, mit welchen psychologischen Mechanismen wir uns vor unangenehmen Wahrheiten und um Verhaltensänderungen herummogeln.

Dem Konzept des Fußabdrucks setzt Baunach nun das des Handabdrucks als konstruktive Alternative entgegen. Der Klima-Handabdruck sei die Summe aller CO2-Fußabdrücke unserer Mitmenschen. Man erweitere seine Perspektive über seien eigenen Konsum-Tellerrand hinaus.

Beim Handabdruck geht es um die großen, strukturverändernden Hebel in unserem Leben, die das Verhalten von möglichst vielen Menschen beeinflussen. Beispiel: Ich allein kann zuhause weniger Fleisch essen. Wenn ich aber dafür sorge, dass in der Firmenkantine mehr vegane Gerichte angeboten werden, essen viel mehr Menschen weniger Fleisch. So vergrößere ich meinen Handabdruck und werde zum Multiplikator für klimafreundliches Verhalten.”

Jeder von uns könne in einer kleinen Gruppe anfangen: Mit der Biotonne im Mehrfamilienhaus, sich mit der Nachbarschaft für einen neuen Radweg einsetzen, den eigenen Sportverein dazu bringen, eine Photovoltaik-Anlage einzusetzen oder sich bei Bürgerräten beteiligen.

Baunach liefert eine Vielzahl von Fakten und klärt über die gängigsten Klima-Mythen auf. Mit vielen Kurzgeschichten, Beispiel-Personen und Grafiken ist sein Buch sehr abwechslungsreich und unterhaltsam geschrieben. Und vor allem ist es ein Klimabuch, das positiv motiviert und konkret zeigt, wo man welche Hebel in Bewegung setzen kann, die wirklich etwas ändern.

Wer sollte Baunachs Buch lesen? Wie er selbst sagt:

„Alle, die sich bereits grundsätzlich über die Klimakrise aufgeklärt fühlen und sich nun fragen, was sie selbst tun können. Alle, die sich ohnmächtig und hilflos fühlen und auf einen hoffnungsvollen, zündenden Impuls warten.

Alle, denen eine lebenswerte Zukunft am Herzen liegt, und die ihren Kindern später einmal sagen können wollen: Ja, ich wusste in den 2020er Jahren Bescheid und ich habe getan, was in meiner Macht lag, um die Klimakrise einzudämmen.“

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